Quellen zum Video
Gemeindebau 1938: Ein Satz im Mietvertrag
Im Mietvertrag des Karl-Marx-Hofs stand ein Satz, den die NS-Stadtverwaltung 1938 gegen Familie Mezei wandte: Das Mietengesetz gilt hier nicht. Der Short erzählt in gut einer Minute, wie als Juden verfolgte Mieter so ihre Gemeindewohnung verloren; das lange Video folgt in 18 Minuten dem Gesetz hinter dem Satz, weiteren Familien und der Frage, warum nach 1945 kein Gesetz die Mietrechte zurückgab. Hier stehen die Quellen beider Filme, für den Short Aussage für Aussage.
Was das Video zeigt
1929 zieht Familie Mezei in den neuen Karl-Marx-Hof in Döbling, auf Stiege 38: Moritz Mezei, Journalist und Sozialdemokrat, seine Frau Margarethe und die Zwillinge Ilse und Kurt. Beim Einzug stimmen die Mieter einer vorgedruckten Niederschrift zu, dem Mietvertrag. Darin steht, die Bestimmungen des Mietengesetzes fänden „keine Anwendung“, und die Kündigungsfrist sei „eine 14 tägige“.
Das war keine Erfindung der Stadt. Das Mietengesetz schützte nur Häuser, deren Baubewilligung bis zum 27. Jänner 1917 erteilt worden war. Jeder spätere Neubau war ausgenommen, privat wie städtisch, und damit der überwiegende Teil der Gemeindebauten. Ein privater Vermieter brauchte 1938 im Altbau noch einen gesetzlichen Grund, um zu kündigen. Die NS-Stadtverwaltung brauchte im Gemeindebau keinen.
Am 14. Juni 1938 gab der NS-Vizebürgermeister Thomas Kozich den Auftrag, als Juden verfolgten Mietern in den Gemeindebauten zu kündigen. Die Kündigungen gingen über die Bezirksgerichte, ohne Angabe von Gründen und mit zwei Wochen Frist. „Jude“ stand nur auf dem Formular, das bei der Behörde blieb. Laut Widerstandsarchiv DÖW vertrieb die NS-Stadtverwaltung so mehr als 3.600 Menschen aus Gemeindewohnungen, 212 allein aus dem Karl-Marx-Hof.
Moritz Mezei erhob Einspruch, er wurde abgewiesen. Anfang August 1938 musste die Familie die Wohnung räumen; laut Gedenkprojekt von Wiener Wohnen vermerkte der Hausinspektor bei der Übergabe „ohne Beanstandungen“. Moritz Mezei floh über Ungarn nach Italien und wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Ilse starb am 12. März 1945 bei einem Bombentreffer im Keller der Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse. Kurt wurde am 12. April 1945 von SS-Angehörigen aus einem Keller in der Förstergasse geholt und erschossen. Nur Margarethe Mezei überlebte, schwer verletzt.
Am Eingang Boschstraße 9 hängen heute zwei Tafeln: seit 2003 die Tafel „Kündigungsgrund Nichtarier“, seit dem 14. Juni 2026 eine zweite mit 46 Namen. Ilse, Kurt und Moritz Mezei stehen auf beiden. Das Video endet mit einer Frage: Gibt es in deinem Hof eine Tafel?
Das lange Video „Ein Satz im Mietvertrag: Die Vertreibung aus dem Gemeindebau 1938“ liest das Gesetz hinter dem Satz und zeigt, warum die Ausnahme für jedes neue Haus galt, privat wie städtisch; laut Statistischem Jahrbuch der Stadt Wien stand 1934 rund jede fünfte Wiener Wohnung außerhalb des Mietengesetzes. Es folgt Familie Mezei von der Stiege 38 in die Förstergasse, besucht andere Höfe in Penzing, Simmering und Kaisermühlen und fragt, warum nach 1945 kein Gesetz die entzogenen Mietrechte zurückgab; ein Bericht im Nationalrat nannte das 2001 „eine seit 1947 bestehende Lücke“. Die weißen Häuser sind aus den offenen Daten der Stadt Wien gebaut und stehen auf dem Luftbild vom Herbst 1938. Auch hier ist jedes Bild echt: Fotos des Wien Museum, ein Amateurfilm aus der Innenstadt um 1936/37, ein Film der US Army vom Juli 1945 und Seiten aus Büchern, Gesetzblatt und Parlament.
Die Bilder des Shorts sind echt: drei Fotos des Karl-Marx-Hofs aus der Zeit um 1930 (Wien Museum), das Luftbild der Stadt Wien vom Herbst 1938, geflogen nach den Kündigungen, eine Seite aus Heinrich Steinitz’ Darstellung des Mietrechts von 1929 und Fotos des Eingangs und der Tafel vom Juni 2026. Die hellen Flächen in der Ansicht von ganz Wien sind die Gemeindebauten mit Baujahr 1919 bis 1937, wie sie der heutige Datensatz der Stadt führt; zerstörte oder verkaufte Bauten fehlen darin. Am Schluss fährt die Kamera durch Googles fotorealistisches 3D von heute vor den Eingang Boschstraße 9.
Quellen und Bildnachweise
Daten
- Datenquelle: Stadt Wien – data.wien.gv.at · Luftbildplan 1938 Wien (CC BY 4.0) · Luftbild vom Herbst 1938: im Short der Karl-Marx-Hof von oben, ganz Wien, die Innere Stadt und die Leopoldstadt, im langen Video der Boden unter den weißen Häusern; weiße Flächen ohne Aufnahme (Lücken im Mosaik) sind im Ton ihrer Umgebung gefüllt, ohne Zeichnung (beide Videos)
- Datenquelle: Stadt Wien – data.wien.gv.at · Gemeindebau Standorte Wien (CC BY 4.0) · Umriss des Karl-Marx-Hofs und die Gemeindebauten mit Baujahr 1919 bis 1937, wie sie der heutige Bestand führt: im Short jede helle Fläche in der Ansicht von ganz Wien, im langen Video die weißen Gemeindebauten (beide Videos)
- Datenquelle: Stadt Wien – data.wien.gv.at · Adressen Standorte Wien (CC BY 4.0) · Lage der Stiege 38, des Eingangs Boschstraße 9, der Seitenstettengasse 4 und der Förstergasse 7; im langen Video auch die Orte der anderen Familien und die Luftlinie von der Stiege 38 zur Förstergasse (beide Videos)
- Datenquelle: Stadt Wien – data.wien.gv.at · Baukörpermodell (LOD0.4) Grunddaten aus der Flächen-MZK (CC BY 4.0) · Grundriss und Höhe der weißen Häuser, über die Gebäudekacheln unserer 3D-Karte (langes Video)
- Datenquelle: Stadt Wien – data.wien.gv.at · Generalisiertes Dachmodell (LOD2.1) Wien (CC BY 4.0) · Traufhöhe der weißen Häuser, über die Gebäudekacheln unserer 3D-Karte (langes Video)
- Datenquelle: Stadt Wien – data.wien.gv.at · Bauperioden und Bautypologien Wien (CC BY 4.0) · welche Häuser rund um den Karl-Marx-Hof zwischen 1919 und 1945 gebaut sind, als Vorauswahl (langes Video)
- Datenquelle: Stadt Wien – data.wien.gv.at · Gebäudeinformation Standorte Wien (CC BY 4.0) · Baujahr je Haus: weiß sind nur Häuser mit Baujahr 1919 bis 1937, darunter Villen von 1922 und 1924 nicht weit vom Hof (langes Video)
Für den Film haben wir die Daten ausgeschnitten, umgerechnet und neu gezeichnet.
Google 3D
Der Karl-Marx-Hof heute, die Fahrt aus der Draufsicht hinab vor den Eingang Boschstraße 9 (beide Videos): Googles fotorealistisches 3D. Im Film steht die Nennung im Bild, solange Googles Bild zu sehen ist: Heute in 3D: Google Maps
Bilder
- Martin Gerlach jun. (Fotograf), 19., Heiligenstädter Straße 82-92 - Karl Marx-Hof, Blick in eine Durchfahrtsstraße, um 1930. Wien Museum, Inv.-Nr. 59241/1125. Lizenz: CC0 1.0. Änderung: im Short das erste Bild: ohne Karton und Farbkarte, Ausschnitt im Hochformat, Graustufen leicht warm getönt, langsame Fahrt in die Tiefe, oben abgedunkelt unter dem Titel; im langen Video als flacher Abzug, der in der Papierstadt steht (beide Videos).
- Unbekannt (Fotograf), Karl Ehn (Architekt), 19., Heiligenstädter Straße / Boschstraße / Halteraugasse - Karl-Marx-Hof, um 1930. Wien Museum, Inv.-Nr. 57962/424. Lizenz: CC0 1.0. Änderung: im Short Ausschnitt ohne die eingedruckte Bildzeile, Graustufen leicht warm getönt, langsame Fahrt in die Tiefe, dann unscharf und abgedunkelt hinter dem Zitat aus dem Mietvertrag; im langen Video als flacher Abzug, der in der Papierstadt steht (beide Videos).
- Heinrich Steinitz (Autor), Das österreichische Mietrecht (S. 102, Absatz „2. Anwendungsbereich des Mietengesetzes“, in: Ludwig Neumann (Red.), Das Wohnungswesen in Österreich), 1929. Wienbibliothek im Rathaus, digital.wienbibliothek.at. Lizenz: gemeinfrei (Public Domain). Änderung: im Short Ausschnitt der Seite, langsame Fahrt auf zwei Zeilen, Textmarker auf „Baubewilligung erst nach dem 27. Jänner 1917“ und „Mietengesetzes ausgenommen sind“; im langen Video die ganze Seite als Blatt über Heiligenstadt und ein Streifen mit den Zeilen; der Autor starb 1942, der Text ist gemeinfrei (beide Videos).
- Heinrich Steinitz (Autor), Das österreichische Mietrecht (S. 103: „jede solche Vereinbarung ist vollkommen unwirksam“, sonst gilt „lediglich das Mietrecht des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches“), 1929. Wienbibliothek im Rathaus, digital.wienbibliothek.at. Lizenz: gemeinfrei (Public Domain). Änderung: die ganze Seite als Blatt über Heiligenstadt, Textmarker auf den zwei Stellen (langes Video).
- Stadt Wien, Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien 1930 bis 1935 (S. 94, Tabelle 10: Wohnungen „außer dem Mietengesetze“ 1934; Tabelle 11: 69.001 Wohnungen der Stadt Ende 1934), Band 1930 bis 1935. Wienbibliothek im Rathaus, digital.wienbibliothek.at. Lizenz: gemeinfrei (Public Domain). Änderung: zwei Streifen aus den Tabellen, die Spalte „außer dem Mietengesetze“ und die 69.001 markiert (langes Video).
- unbekannter amerikanischer Reisender (Amateurfilm), Amateur Film European Trip 1930s, Part II, „Vagabonds Abroad“, Wathen Collection (Wien um 1936/37: eine Straßenbahn auf dem Ring vor dem Parlament, die Staatsoper, die Kärntner Straße), um 1936/37 (erschlossen, nicht belegt). Prelinger Archives, Internet Archive. Lizenz: gemeinfrei (Public Domain). Änderung: drei Ausschnitte (2:24–2:28, 3:15–3:26, 3:40–3:44) als Abzug auf Papier, ohne Ton (langes Video).
- Martin Gerlach jun. (Fotograf), 19., Heiligenstädter Straße 82-92 - Karl Marx-Hof, Kindergarten, um 1930. Wien Museum, Inv.-Nr. 93083/111. Lizenz: CC0 1.0. Änderung: als flacher Abzug, der in der Papierstadt steht (langes Video).
- Martin Gerlach jun. (Fotograf), 22., Schüttaustraße 1-39 - Goethehof - Hofansicht, um 1931. Wien Museum, Inv.-Nr. 59161/48. Lizenz: CC0 1.0. Änderung: als flacher Abzug, der in der Papierstadt steht (langes Video).
- Martin Gerlach jun. (Fotograf), 19., Heiligenstädterstr. 82-92 - Karl Marx-Hof, Blick auf den Kindergarten im Innenhof, um 1930. Wien Museum, Inv.-Nr. 59161/1790. Lizenz: CC0 1.0. Änderung: im Short ohne Karton und Farbkarte, Ausschnitt im Hochformat, Graustufen leicht warm getönt, langsame Fahrt in die Tiefe, in der Stille nach dem Vermerk langsam dunkler; im langen Video als flacher Abzug, der in der Papierstadt steht, ebenfalls dunkler werdend (beide Videos).
- Deutsches Reich (amtliches Gesetzblatt), Deutsches Reichsgesetzblatt 39T1 084 0864 (Reichsgesetzblatt 1939, Teil I, S. 864: Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939), 1939. Wikimedia Commons. Lizenz: gemeinfrei (Public Domain). Änderung: Streifen mit § 1, ohne Hoheitszeichen und Unterschriften (langes Video).
- Deutsches Reich (amtliches Gesetzblatt), Deutsches Reichsgesetzblatt 39T1 167 1671 (Reichsgesetzblatt 1939, Teil I, S. 1671: Verordnung vom 5. September 1939, die Kündigungsbeschränkungen auch für die bisherigen Ausnahmen), 1939. Wikimedia Commons. Lizenz: gemeinfrei (Public Domain). Änderung: Streifen mit § 1, ohne Hoheitszeichen und Unterschriften (langes Video).
- US Army Signal Corps, SCENES IN VIENNA, AUSTRIA (Wien im Sommer 1945: eine Straße mit Oberleitungen, eine Straße mit Gleisen), 30. Juli 1945. National Archives, 111-ADC-5199, NAID 18998. Lizenz: National Archives: Restricted - Possibly. Änderung: zwei Ausschnitte aus 6:41–6:52 und 7:27–7:41 als Abzug auf Papier, ohne Ton (langes Video).
- Nationalrat, Verfassungsausschuss, 475 der Beilagen XXI. GP, Bericht des Verfassungsausschusses (S. 1, die Zeile „eine seit 1947 bestehende Lücke“), 2001. Parlament Österreich, parlament.gv.at. Lizenz: gemeinfrei (Public Domain). Änderung: Streifen mit der markierten Zeile; ein amtliches Werk ist frei (§ 7 Urheberrechtsgesetz) (langes Video).
- GuentherZ, Wien11 Lorystrasse038 2017-04-05 GuentherZ GD NS-Opfer 0715 (die Tafel „Kündigungsgrund Nichtarier“ vom 22. September 1999 am Alfons-Petzold-Hof, Lorystraße 38), 5. April 2017. Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY 3.0. Änderung: als Abzug gerahmt (langes Video).
- C.Stadler/Bwag, Döbling (Wien) - Karl-Marx-Hof, Gedenktafel für NS-Opfer (die Tafel von 2003 am Karl-Marx-Hof, Boschstraße 9), 9. Juni 2018. Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Änderung: nur der Kopf der Tafel, ohne die Namen, als Abzug gerahmt; der Ausschnitt steht wieder unter CC BY-SA 4.0 (langes Video).
- Feldkurat Katz, Eingang Karl-Marx-Hof Wien mit zwei Gedenktafeln 01 (der Eingang Boschstraße 9 mit beiden Tafeln), 14. Juni 2026. Wikimedia Commons. Lizenz: CC0 1.0. Änderung: im Short erscheint es perspektivisch genau an seinem Ort in Googles Fassade und bleibt dort stehen; während die Tafel aus ihm wächst, wird es dunkler; im langen Video bildfüllend mit langsamer Fahrt (beide Videos).
- Feldkurat Katz, Gedenktafel für die aus dem Karl-Marx-Hof vertriebenen und getöteten Jüdinnen und Juden 2026-06-14 01 (die Tafel vom 14. Juni 2026 mit 46 Namen), 14. Juni 2026. Wikimedia Commons. Lizenz: CC0 1.0. Änderung: im Short wächst sie aus dem Foto des Eingangs, dann nah an den Namen Mezei, darunter unscharf und dunkler, ein grüner Strich neben den drei Namen; im langen Video bildfüllend, langsame Fahrt auf die Namen (beide Videos).
KI, Stimme und Musik
In beiden Filmen ist nichts mit KI gemalt: Fotos, Archivfilme, Luftbild, die Seiten aus Büchern, Gesetzblatt und Parlament, die Daten und die Zitate sind echt. Im Short ist die leichte Fahrt in die Tiefe der drei Fotos aus der Zeit um 1930 aus jedem Foto selbst gerechnet; die Entfernung je Bildpunkt schätzt ein KI-Modell (MoGe-2), dazugemalt wird nichts. Im langen Video stehen die Fotos flach als Abzüge im Raum, ohne Tiefenschätzung, und die weißen Häuser sind aus den offenen Daten der Stadt Wien gebaut. In beiden Filmen ist nur die Stimme mit KI erzeugt: Gemini 3.8 Flash TTS („Charon“). Musik gibt es keine. Unter der Stimme liegt ein leiser Raumton, ein mit ffmpeg erzeugtes Rauschen ohne KI; im Short ist es nach dem Vermerk „ohne Beanstandungen“ still, im langen Video an zwei Stellen.
Jede Aussage des Shorts und ihre Belege
1929 zog Familie Mezei in den neuen Karl-Marx-Hof, Stiege 38.
Im Mietvertrag stand: Das Mietengesetz gilt hier nicht. Im Bild der Wortlaut: „Die Bestimmungen des Mietengesetzes … finden … keine Anwendung. … die Kündigungsfrist eine 14 tägige.“
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 106: Wortlaut der vorgedruckten Niederschrift, der die Mieter des Karl-Marx-Hofs beim Einzug zustimmten
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 109: ein Mieter des Hofs schrieb 1938, seine Wohnung falle nicht unter den Mieterschutz
- Müller in Licht, Luft und Schatten (2026), S. 61: die alten Formulare der Mietverträge
Den Wortlaut der Klausel gibt nur „Licht, Luft und Schatten“ wieder, darum steht er im Bild als Zitat mit Quelle. Die Niederschrift ist ein Mietübereinkommen, der Film sagt „Mietvertrag“.
Das Gesetz nahm alle Neubauten aus, auch private: Das Mietengesetz galt nicht für Häuser, deren Baubewilligung nach dem 27. Jänner 1917 erteilt wurde.
- Steinitz, Das österreichische Mietrecht (1929), S. 102: im Film die Seite selbst
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen, Lebenslauf der Familie Mezei: die Aufkündigung der Familie im Faksimile nennt die Baubewilligung vom 10. Juni 1927 und darum die Ausnahme nach § 1 Abs. 2 Z. 2 des Mietengesetzes
- Graf in Historikerkommission, Bd. 14 (2004), S. 19: die Ausnahme, ohne Einschränkung auf Bauten der Gemeinde
- Historikerkommission, Bd. 14 (2004), S. 120: die zwischen 1917 und 1938 gebauten Gemeindewohnungen, also der überwiegende Teil, waren nicht geschützt
- Müller in Licht, Luft und Schatten (2026), S. 53 f.: die Ausnahme im Mietengesetz
Die Klausel war keine Erfindung der Stadt, sie gab das Gesetz wieder. Ein privater Vermieter brauchte 1938 im Altbau noch einen gesetzlichen Grund, um zu kündigen (Historikerkommission, Bd. 14, S. 217).
Im Juni 1938 gab NS-Vizebürgermeister Kozich den Auftrag, als Juden verfolgten Mietern zu kündigen. Im Bild: „14. Juni 1938 · Auftrag: NS-Vizebürgermeister Kozich“.
- Raggam-Blesch, Jahrbuch des DÖW 2018, S. 81: der Auftrag des Vizebürgermeisters Thomas Kozich am 14. Juni 1938
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 107: ein mündlicher Auftrag, unverzüglich zu kündigen
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen: Die Vertreibung aus dem Gemeindebau
Die Quellen sprechen von einem Auftrag, nicht von einem Beschluss.
Ohne Begründung: gekündigt wurde ohne Angabe von Gründen, mit zwei Wochen Frist, über die Bezirksgerichte.
- Historikerkommission, Bd. 14 (2004), S. 120: Kündigung ohne Angabe von Gründen, Frist zwei Wochen
- Historikerkommission, Bd. 14 (2004), S. 121: in der Aufkündigung stand kein Grund
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 108: die Aufkündigung über das Bezirksgericht, unter Androhung der Exekution
- ORF Wien, 14. Juni 2026: „Karl-Marx-Hof: Gedenktafel erinnert an NS-Opfer“ (zwei Wochen, um die Wohnung zu verlassen)
In den Akten stand: „Jude“. Nur auf dem Formular, das bei der Behörde blieb, nicht in der Kündigung an die Mieter.
- Historikerkommission, Bd. 14 (2004), S. 121: das Formblatt blieb bei der Behörde
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 108: auf den Formularen handschriftlich „Jude“, oft mit blauem Bleistift
- Müller in Licht, Luft und Schatten (2026), S. 50: in keiner gerichtlichen Aufkündigung ein Grund
Auf den Formularen stand auch „Volljude“ oder „Nichtarier“. Die Aufkündigung der Familie Mezei, die das Gedenkprojekt von Wiener Wohnen zeigt, nennt keinen Grund und kein „Jude“; darum sagt der Film „in den Akten“.
So vertrieb die NS-Stadtverwaltung mehr als 3.600 Menschen aus Gemeindewohnungen. Im Bild: „aus Gemeindewohnungen vertrieben · mehr als 3.600 · Menschen, laut Widerstandsarchiv DÖW“.
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 16: 3.601 namentlich bekannte Jüdinnen und Juden, die aus Gemeindewohnungen delogiert wurden; eine Mindestzahl, geschätzt über 4.000
- Schellenbacher in Licht, Luft und Schatten (2026), S. 185 f.: wie die Namen erfasst wurden
- ORF Wien, 6. April 2025: „Studie zu Gemeindebauten in der NS-Zeit“ (Zwischenstand der Studie)
Die Zahl zählt Menschen, nicht Wohnungen. Gekündigte Wohnungen waren es laut Raggam-Blesch mehr als 2.000 (Jahrbuch des DÖW 2018, S. 81), laut Historikerkommission rund 2.000 (Bd. 14, S. 143).
212 allein hier. Im Bild: „im Karl-Marx-Hof · 212 Menschen · laut Widerstandsarchiv DÖW“.
Anfang August 1938 musste Familie Mezei ihre Wohnung räumen.
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen, Lebenslauf der Familie Mezei: Aufkündigung am 30. Juni 1938 beim Bezirksgericht Döbling beantragt, Einspruch am 8. Juli abgewiesen, Übergabe am 5. August
- Hecht, Der Freundeskreis von Ilse und Kurt Mezei (2013), S. 102: Stichtag 4. August 1938
Der Tag weicht ab (4. oder 5. August), darum sagt der Film „Anfang August“.
Der Hausinspektor prüfte die Wohnung und vermerkte: „ohne Beanstandungen“. Im Bild: Vermerk des Hausinspektors, 1938, laut Gedenkprojekt von Wiener Wohnen.
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen, Lebenslauf der Familie Mezei: handschriftlicher Vermerk des Hausinspektors Josef Zohles vom 5. August 1938
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 113 f.: wie der Hausinspektor die Übergaben der Wohnungen abnahm
Den Vermerk bei Familie Mezei belegt nur das Gedenkprojekt von Wiener Wohnen, eine zweite Quelle gibt es dafür nicht; darum nennt der Film es im Bild. Dass der Hausinspektor die Übergaben prüfte, belegt auch „Licht, Luft und Schatten“.
Der Vater, Moritz, floh nach Italien und wurde 1944 in Auschwitz ermordet.
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen, Lebenslauf der Familie Mezei: Flucht im Oktober 1938 nach Ungarn, im Mai 1939 nach Italien, am 5. April 1944 aus dem Lager Fossoli nach Auschwitz deportiert
- Hecht, Der Freundeskreis von Ilse und Kurt Mezei (2013), S. 102: deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 143
Die Tochter, Ilse, starb 1945 bei einem Bombentreffer im Keller der Kultusgemeinde. Im Bild: „Seitenstettengasse · Kultusgemeinde · 12. März 1945“.
- Hecht, Der Freundeskreis von Ilse und Kurt Mezei (2013), S. 115: Fliegeralarm am 12. März 1945, Keller des Ältestenrats in der Seitenstettengasse
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 143 f.: Keller der Kultusgemeinde, Seitenstettengasse 4
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen, Lebenslauf der Familie Mezei: Tod bei einem Fliegerangriff am 12. März 1945
Die Hausnummer weicht ab (4 oder 2 bis 4), darum steht im Schild keine.
Ihr Zwillingsbruder Kurt wurde im April 1945 von der SS erschossen. Im Bild: „Förstergasse 7 · Leopoldstadt · 12. April 1945“.
- Hecht, Der Freundeskreis von Ilse und Kurt Mezei (2013), S. 115: mit acht anderen von einer SS-Einheit aus dem Keller des Hauses Förstergasse 7 geholt und ermordet
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 143 f.: Todesort Förstergasse 7
- DÖW, Schlaglichter: 12. April 1945 (Kurt Mezei und seine Zwillingsschwester Ilse; von SS-Angehörigen erschossen)
Nur die Mutter, Margarethe, überlebte. Im Bild die Lebensjahre: Moritz Mezei 1886–1944, Ilse und Kurt Mezei 1924–1945, Margarethe Mezei 1899–1993.
Die Namen der drei stehen heute hier, am Eingang Boschstraße 9: auf der Tafel „Kündigungsgrund Nichtarier“ von 2003 und auf der Tafel vom 14. Juni 2026. Im Bild: „Tafel vom 14. Juni 2026 · 46 Namen · Boschstraße 9“.
- die Tafel vom 14. Juni 2026 selbst, Foto von Feldkurat Katz auf Wikimedia Commons: 46 Namen, darunter Ilse, Kurt und Moritz Mezei
- ORF Wien, 14. Juni 2026: „Karl-Marx-Hof: Gedenktafel erinnert an NS-Opfer“ (die neue Tafel)
- Licht, Luft und Schatten (2026), S. 139: die Tafel von 2003 nennt 29 Namen, darunter Ilse, Kurt und Moritz Mezei
- Presse-Service der Stadt Wien, 27. November 2003: „Gedenken an von Nazis vertriebenen Familien“
- Wien Geschichte Wiki: Gedenktafel „Kündigungsgrund Nichtarier“ (Karl-Marx-Hof)
Der Film sagt „46 Namen“ und zählt keine Ermordeten: Die Quellen zählen verschieden, und unter den Namen ist auch Ilse Mezei, die bei einem Bombentreffer starb.
Das Luftbild ist vom Herbst 1938: geflogen im Oktober und November 1938, nach den Kündigungen.
Im Bild: „Jede helle Fläche: ein Gemeindebau, gebaut 1919–1937“.
Der Datensatz führt den heutigen Bestand: Gemeindebauten, die zerstört oder verkauft wurden, fehlen darin. Darum zeigt das Bild keine Zahl.
Literatur und Quellen
- Claudia Kuretsidis-Haider (Hg.): Licht, Luft und Schatten. Wiener Gemeindebauten in Austrofaschismus und Nationalsozialismus, Böhlau, Wien 2026, Open Access (CC BY-NC 4.0); darin Claudia Kuretsidis-Haider, Menschenschicksale im Gemeindebau. Der Karl-Marx-Hof im Spannungsfeld zweier Diktaturen (S. 91–155), Rudolf Müller, Die Mietengesetzgebung vor und in der NS-Zeit (S. 45–70), und Wolfgang Schellenbacher über die namentliche Erfassung der aus den Wiener Gemeindewohnungen delogierten Jüdinnen und Juden (S. 185–194); für das lange Video außerdem die Einleitung (S. 11–20), Peter Autengruber und Ursula Schwarz, Zur Geschichte des Wiener Gemeindebaus (S. 21–44) und Zur Geschichte des Wiener Wohnungsamtes (S. 333–416), Manfred Mugrauer über die Johann-Mithlinger-Siedlung (S. 157–184), Jutta Fuchshuber über die Enteignung von Geschäftslokalen jüdischer Pächterinnen und Pächter (S. 195–218), Brigitte Ungar-Klein über jüdische „U-Boote“ in Gemeindebauten (S. 219–230) und die Biografien verfolgter Bewohnerinnen und Bewohner (S. 247–332)
- Brigitte Bailer-Galanda, Eva Blimlinger, Susanne Kowarc, mit einem Beitrag von Georg Graf: „Arisierung“ und Rückstellung von Wohnungen in Wien, Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission, Bd. 14, Oldenbourg, Wien und München 2004
- Michaela Raggam-Blesch: „Sammelwohnungen“ für Jüdinnen und Juden als Zwischenstation vor der Deportation, Wien 1938–1942, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2018, S. 81–100
- Dieter J. Hecht: Jüdische Jugendliche während der Shoah in Wien. Der Freundeskreis von Ilse und Kurt Mezei, in: Andrea Löw, Doris L. Bergen, Anna Hájková (Hg.), Alltag im Holocaust. Jüdisches Leben im Großdeutschen Reich 1941–1945, Oldenbourg, München 2013, S. 99–116
- Heinrich Steinitz: Das österreichische Mietrecht, in: Ludwig Neumann (Red.), Das Wohnungswesen in Österreich, Wien 1929, darin S. 102, für das lange Video auch S. 103, 109 und 122 f.; Digitalisat der Wienbibliothek im Rathaus
- Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien 1930 bis 1935 (Neue Folge 3), Kapitel IX, Bau- und Wohnungswesen, S. 90 und 94; Digitalisat der Wienbibliothek im Rathaus (langes Video)
- Reichsgesetzblatt 1939, Teil I, S. 864: Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939 (langes Video)
- Reichsgesetzblatt 1939, Teil I, S. 906: die Verordnung vom 10. Mai 1939, die dieses Gesetz in Österreich einführt (langes Video)
- Reichsgesetzblatt 1939, Teil I, S. 1671: Verordnung vom 5. September 1939, § 1 (langes Video)
- Nationalrat: 475 der Beilagen XXI. GP, Bericht des Verfassungsausschusses, 2001, S. 1 f. („eine seit 1947 bestehende Lücke“, „auf Grund der Komplexität der Materie nie Gesetz“) (langes Video)
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen: Die Vertreibung aus dem Gemeindebau
- Gedenkprojekt „Nie vergessen“ von Wiener Wohnen, Lebensläufe: Familie Mezei (Verfasserin Ursula Schwarz); für das lange Video auch Familie Fischer, Familie Duschner, Rosa Lang und Sigmund Landes
- Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Schlaglichter: 12. April 1945
- Manfred Mugrauer: „Stille Heldinnen und Helden“ in Österreich, in: Mitteilungen des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes 253, September 2023, S. 1 (langes Video)
- Wien Geschichte Wiki: Gemeindebau (Wohnbauprogramm vom 21. September 1923) (langes Video)
- Wien Geschichte Wiki: Wohnbausteuer (langes Video)
- Wien Geschichte Wiki: Karl-Marx-Hof (Bauzeit, 1.382 Wohnungen) (langes Video)
- Wien Geschichte Wiki: Goethehof (langes Video)
- ORF Wien, 6. April 2025: „Studie zu Gemeindebauten in der NS-Zeit“
- ORF Wien, 14. Juni 2026: „Karl-Marx-Hof: Gedenktafel erinnert an NS-Opfer“